Es gibt Genres, die schreibt man nicht gern. Nicht, weil mit dem Genre etwas verkehrt wäre. Manchmal hat man kein Talent in diesem Gebiet. Manchmal bereitet einem die Dynamik bestimmter Genres Bauchgrummeln.
So geht es mir mit Dystopien. Ich schreibe sie nicht besonders gern. Es liegt weniger am Interesse für dieses Genre. Nicht daran, dass ich mir dieses nicht zutraue. Das Problem an einer dystopische Welt bedeutet für mich als Autorin vor allem eines: Ich muss meine Figuren dort hineinsetzen.
Und dann leide ich mit ihnen.

Ich kann mir noch so oft sagen, dass es „nur eine Geschichte“ ist. Wenn ich eine Figur erst einmal kenne, interessiert mich nicht mehr nur, was sie laut Plot erleben soll. Ich fühle mit dieser Figur und muss deshalb so einige Schreibpausen einlegen, um eine gewisse Distanz zur Geschichte und dem Charakter wieder herzustellen.
Und genau deshalb habe ich lange eher einen Bogen um Geschichten gemacht, deren Welt von gesellschaftlichem Verfall, Unterdrückung oder politischen Entwicklungen geprägt ist.
Bis die Realität irgendwann so laut wird, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.
Doch manchmal können gesellschaftliche Entwicklungen etwas auslösen, womit ich beim Schreiben eigentlich gar nicht gerechnet hatte: den Wunsch, mich ausgerechnet an Genres zu wagen, um die ich eigentlich einen großen Bogen mache.
Nicht, weil ich plötzlich Gefallen an düsteren Zukunftsszenarien gefunden hätten. Sondern weil manche Entwicklungen Gedanken und Szenarien in mir auslösen, die irgendwohin müssen.
Dann wird aus einem „Darüber möchte ich eigentlich gar nicht schreiben“ irgendwann ein „Darüber muss ich schreiben.“
Dolly ist für mich ein gutes Beispiel dafür.
Ich hatte zu viele Fragen in meinem Kopf, was mit Menschen in einer dystopischen Landschaft geschieht.
Was passiert, wenn bestimmte Vorstellungen von Normalität, Weiblichkeit, Moral oder gesellschaftlichem Zusammenleben nicht mehr nur diskutiert, sondern irgendwann zum bestimmenden Rahmen des Alltags werden?
Und wie verändert das die Menschen, die darin leben?

Ich möchte solche Entwicklungen nicht einfach erklären oder meinen Leserinnen und Lesern sagen, was sie darüber denken sollen.
Viel eher setze ich ihnen eine Geschichte vor die Nase. Was daraus beim Leser entsteht: Bewertung, Erkenntnis, Katharsis… wer weiß?
Ich kann Gedanken, Ängste und gesellschaftliche Entwicklungen in eine Geschichte verwandeln und den Leser selbst entscheiden lassen, was er darin erkennt. Vielleicht sieht jemand eine Warnung. Vielleicht erkennt jemand eine Entwicklung wieder, die ihm selbst schon Sorgen bereitet oder er vielleicht selbst schon erlebt hat. Vielleicht interpretiert jemand die Geschichte vollkommen anders, als ich sie ursprünglich gedacht habe.
Das ist für mich völlig in Ordnung.
Ich möchte nicht mit erhobenem Zeigefinger schreiben.
Ich möchte Fragen stellen.
Und manchmal bedeutet das eben, dass ich mich als Autorin in ein Genre begebe, in dem ich mich eigentlich überhaupt nicht wohlfühle.
Denn vielleicht sind genau die Geschichten, die am schwersten zu schreiben sind, manchmal auch diejenigen, die am dringendsten geschrieben werden wollen.
Auch wenn man dabei zwischendurch sehr deutlich denkt:
Warum tue ich mir das eigentlich an?
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