Bevor eine Figur bei mir wirklich in eine Geschichte einzieht, muss ich sie natürlich erst kennenlernen.

Nicht nur im Sinne eines Charakterbogens mit Alter, Herkunft, Beruf und ein paar Stichpunkten zu Stärken und Schwächen. Solche vereinfachten Charakterdossiers sind eigentlich nur der Beginn einer Kennlernphase. Sie verändern sich mit der Zeit, während die Figur deutlicher und dichter wird.
Ich verbringe gedanklich Zeit mit meinen Figuren, lange bevor der eigentliche Buchplot feststeht. Man könnte es Gedankenreisen oder parasoziales Kennenlernen nennen. Für mich fühlt es sich oft an wie eine Reihe von Begegnungen, Gesprächen und kleinen Szenen, in denen ich herausfinde, wer diese Person ist.
Am Anfang sind die Fragen meist schlicht, wie bei jeder ersten Begegnung.
Wie alt bist du? Wo bist du aufgewachsen? Wie klingt deine Stimme? Was isst du gerne? Schaust du Menschen direkt an oder weichst du aus? Was sieht man dir sofort an und was erst viel später?
Mit der Zeit werden diese Begegnungen persönlicher.

Ich lasse Figuren in Situationen auftauchen, die noch gar nichts mit dem späteren Buch zu tun haben müssen. Nicht mal zum finalen Genre passen müssen. Manchmal an Orten, an denen sie sich wohlfühlen. Manchmal in Räumen, die ihnen unangenehm sind. Ich stelle ihnen andere Figuren gegenüber, werfe ihnen kleine Hindernisse vor die Füße oder beobachte, wie sie auf etwas reagieren, das nicht nach Plan läuft.
Dabei muss es sich gar nicht um große dramatische Wendepunkte handeln. Oft sind es banale Dinge, die eine Figur für mich greifbar machen.
Wo kaufst sie ihre Kleidung? Welche Marotte hat sie? Was bringt sie zur Weißglut? Was findet sie peinlich? Wie reagiert sie, wenn jemand sie unterschätzt? Wird sie laut, zieht sie sich zurück, macht sie einen Witz, wird sie höflich bis zur Grausamkeit?
Solche Kleinigkeiten verraten manchmal mehr als jede große Hintergrundgeschichte.
Reale Menschen kann man jahrelang kennen, ohne sie wirklich kennenzulernen. Bei Figuren ist es anders. Nicht, weil sie einfacher wären, sondern weil ich in diesen inneren Begegnungen gezielter hinsehen kann. Ich kann eine Szene wiederholen. Ich kann eine Frage anders stellen. Ich kann sie in eine Situation bringen, die etwas aus ihnen hervorlockt, das im Alltag vielleicht verborgen bliebe.
Und manchmal überraschen sie mich.
Dann reagiert eine Figur nicht so, wie ich es erwartet hätte. Sie verweigert eine geplante Rolle. Sie wirkt in einem bestimmten Szenario plötzlich fehl am Platz. Oder sie zeigt eine Seite, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Denn für mich ist eine Figur erst dann wirklich brauchbar, wenn sie nicht mehr nur aus meinen ursprünglichen Ideen besteht. Wenn sie anfängt, eigene Konturen zu bekommen. Wenn ich ihre Stimme höre, ihre Spleens kenne, ihre Widersprüche spüre und weiß, wo sie weich, eitel, ängstlich, stur oder verletzlich ist.
Dieser Prozess braucht meist Monate.
In dieser Zeit werden Charakterdossiers mehrfach angepasst. Nicht, weil ich mich nicht entscheiden kann, sondern weil die Figur nach und nach klarer wird. Manche Details rücken in den Hintergrund. Andere Charaktereigenschaften gewinnen an Bedeutung. Eine Macke, die zuerst nebensächlich wirkte, wird plötzlich unverzichtbar.
Der Buchplot entsteht bei mir oft erst später. Zuerst muss ich wissen, mit wem ich es zu tun habe.
Denn sobald eine Figur lebendig genug ist, verändert sie auch die Geschichte. Sie fügt sich nicht immer brav in jede Szene ein. Sie bringt eigene Grenzen, Wünsche, Ängste und Ambitionen mit. Manchmal macht sie dadurch alles komplizierter und zwingt mich selbst die Szene oder den Plot anzupassen.
Eine Figur erfüllt für mich nicht einfach eine Funktion. Ich möchte einen Menschen auf Papier bringen, die schon lange vor der eigentlichen Geschichte existierten. So als würde ich die bewegte Geschichte der exzentrischen Nachbarin von nebenan nacherzählen.
Und dafür muss ich ihnen vorher die Zeit geben, sich mir zu zeigen… und genügend Vertrauen aufbauen, damit sie auch ihre Geheimnisse gestehen.
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